Damit es weitergeht, auch in den schlechtesten Zeiten.
Moin <3
Hier ist es lange still gewesen – aber nicht, weil wir hinter verschlossenen Türen die ganz großen Pläne geschmiedet haben. Sondern, weil wir wenig Einladendes und auch für uns überzeugendes zu berichten hatten. Darin unterscheiden wir uns vermutlich von vielen anderen linken Gruppen nicht. Im folgenden versuchen wir, euch das etwas nachvollziehbar zu machen.
Lange war das Konzept der „Solidarischen Netzwerke“, entwickelt 2011 vom Seattle Solidarity Network aus den USA, strategische Grundlage unseres Handelns. Vor über einem Jahr mussten wir uns, gemessen an unseren Erwartungen und Ansprüchen, das Scheitern unseres Konzepts eingestehen. Auch um uns darin nicht weiter aufzureiben und uns lieber mit den Gründen unseres Scheiterns auseinanderzusetzen, hatten wir beschlossen, erstmal ein bisschen kürzer zu treten. Vielen von uns ging es in dieser Zeit schlecht: Wir waren erschöpft und hatten mit allen Entwicklungen der letzten Jahre eine gewisse Hoffnungslosigkeit und politische Traurigkeit im Blick auf die Welt um uns herum entwickelt. Dass ein großer Teil der radikalen Linken weiter, wie „auf Autopilot“, an anderen, offensichtlich ebenfalls nicht erfolgreichen Strategien festhält, verstärkte unsere Ratlosigkeit.
Im Laufe der Jahre haben wir versucht, eine den konkreten Bremer Bedingungen entsprechende Praxis zum Konzept der Genoss*innen aus Seattle zu entwickeln. Dieses, basierend auf den betrieblichen Erfahrungen der US-amerikanischen Industrial Workers of the World, versucht, sie auf alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens auszudehnen. All das mit dem Ziel, radikale Netzwerke praktischer Solidarität aufzubauen. Als Teil des Solidarischen Zentrums in Bremen-Vegesack, eng verbunden mit dem Bremer Erwerblosenverband – aber auch mit anderen ähnlichen solidarischen Netzwerken wie z.B. dem Bremer „Bündnis Zwangräumungen verhindern“, erschienen uns die Bedingungen dafür günstig. Im Lauf der Zeit gingen wir daran, Öffentlichkeit dafür zu schaffen. Nicht nur in Vegesack, aber dort eine Zeitlang fast unübersehbar, stand an vielen Wänden der Stadt unser „Willst du dich gemeinsam mit uns wehren?“ inkl. Handynummer. Dies ergänzten wir um viele inhaltliche Veranstaltungen im Solidarischen Zentrum. Am Bremer Bündnis gegen Preiserhöhungen waren wir genauso intensiv beteiligt wie am „Bremer Bündnis gegen Rechts“, das nach der großen, von den Mittelschichten getragenen Demonstration Anfang 2024 entstanden ist. Um den Gegen-Rechts-Protesten auch ein lokales Angebot zu machen, initierten wir im Solidarischen Zentrum ein monatliches „Café gegen Rechts“. Da die Demos sich leider nicht in Bewegung und Organisierung übersetzten, gaben wir das Café Anfang 2025 wieder auf. Viele weitere Aktivitäten, zum Beispiel gegen Militarisierung oder Wohnraummangel, kamen noch dazu, mangelnden Fleiß konnten wir uns wirklich nicht vorwerfen 😉 Und doch, wirklich in die Pötte kamen wir nirgendwo. Wir blieben eine „typische“ linke Politgruppe, wenn auch nicht in den links-akademischen Szenevierteln. An Rücklauf mangelte es uns bei all dem auch nicht. Über eine Art „radikale soziale Arbeit“ kamen wir aber nie hinaus. Heute wissen wir, der bundesdeutsche (Sozial)Staat ist im Verhältnis zu den Bedingungen in den USA so unterschiedlich, dass auch eine angepasste Übernahme des Konzepts der Genoss*innen aus Seattle wohl kaum möglich ist.
Seitdem führen wir eine intensive inhaltliche und strategische Diskussion miteinander. Wir versuchen uns nicht nur „den Staat“ sondern vor allem den konkreten Bremer Sozialstaat sowohl als Gegner als auch als Feld sozialer Kämpfe zu erklären. Nicht einfach nur als akademische Debatte, sondern als „Kopf der Leidenschaft“. Das Solidarische Zentrum, soziale Kämpfe, wir und unsere Verstrickungen in die Verhältnisse sowie eine strategische Perspektive, die über diese Gesellschaft hinausgeht, all das versuchen wir für uns, grob zusammengesetzt, neu zu bestimmen.
Ein großer Teil dessen, was wir die letzten Monate gemacht haben, ist aber auch der Austausch über Sorgen, die wir als Einzelne in das Treffen tragen und als Genoss*innen versuchen gemeinsam solidarisch zu verarbeiten: Tagespolitik, private Probleme und die Situation linker Bewegung lösen in uns allen immer wieder ein inneres Wanken aus.
Durch den Verräter und Geheimdienstspitzel in der Bremer Ortsgruppe der Interventionistischen Linken Dîlan S. damit konfrontiert zu werden, dass dieser Staat alle, die für eine bessere Gesellschaft kämpfen wollen, hasst – auch wenn das eigentlich längst bekannt war – hat uns, wenn auch natürlich deutlich weniger als die Genoss*innen, die unmittelbar mit ihm zu tun hatten, zutiefst erschüttert. Immer wieder von sexistischer Gewalt in den Reihen derjenigen, die eigentlich links, eigentlich feministisch sind, zu hören, macht uns mürbe. Der Sozialabbau entzieht uns schleichend die wenigen Sicherheiten, die die Existenz hier geboten hat. Deutschland, das sich am Säbelrasseln der Nationen mehr als nur beteiligen möchte, vor dem Hintergrund einer sich rasant verändernden Weltmarkt- und Staatenkonkurrenz, macht uns Angst. Den Klimawandel, der unser aller Lebensgrundlage bedroht, müssen wir die meiste Zeit ignorieren, um überhaupt durch den Tag zu kommen. Erstarkende rechte Parteien – nicht aufgrund manipulativer Tricks, sondern wegen einer Gesellschaft, die selber rechter wird – zwingen uns, zu hinterfragen, was wir hier eigentlich machen und wecken vielleicht auch in uns autoritäre Sehnsüchte: den Wunsch danach, endlich Schuldige zu finden und zur Rechenschaft ziehen zu können.
Trotz alledem, uns eint die Wut und die Trauer und der Hass auf die gesellschaftlichen Umstände und was sie mit uns machen. Wir haben noch keine richtige Ahnung über den Ausgang unserer Strategiedebatte. Wir wissen nicht, was genau unsere Rolle im Kampf gegen diese und dem Bau einer neuen Gesellschaft sein kann.
Vermutlich muss die permanente Diskussion und selbstkritische Reflexion unserer Strategie, Praxis und Organisierung ein Dauerzustand, ständiger Teil unserer Praxis sein. Denen, die glauben, alles für sich bereits abschließend geklärt zu haben, bringen wir bereits grundsätzlich Misstrauen gegenüber mit. Unter sich stetig verändernden Bedingungen muss auch unsere Position darin sich ändern – und einfache Antworten auf große Fragen in einer komplexen Gemengelage sind selten die, die uns in die Emanzipation führen. Im Sinne dieser dauerhaften Suchbewegung, dass für uns Analyse keine Weltanschauung, sondern ein Werkzeug zum Begreifen unserer, der sozialen Umstände ist, verstehen wir uns als undogmatisch. In dem Sinne, dass wir bereits eine grundsätzliche Kritik an Staat, Nation, Patriarchat, Lohnarbeit und Kapital haben, dass wir der Auffassung sind, dass Selbst- und Gesellschaftsveränderung weder Gegensätze noch Reihenfolge, dafür aber notwendige gegenseitige Bedingungen sind, verstehen wir uns als antiautoritär.
Es wird immer Zeiten geben, in denen uns das Suchen und Aushalten beim Kämpfen lähmen wird und es wird immer wieder still um uns werden. In diesen Zeiten können wir uns, wie die letzten Monate, aneinander festhalten – an unseren Genoss*innen, mit denen wir die Zumutungen dieser Gesellschaft gemeinsam ertragen und bekämpfen, mit denen wir nach Wegen aus der Misere suchen. Es geht uns darum, eine Organisierung zu entwickeln, die nicht unbedingt jede Krise überwindet, aber sie zumindest übersteht. Damit es weitergehen kann, auch in den schlechtesten aller Zeiten.
Wenn du auch auf dieser Suche bist, ähnlich inhaltlich begründet wie wir und auch der Meinung bist, dass sich diese Fragen nicht alleine, getrennt von Praxis, sondern nur als ihre Reflektion klären lassen, dann bist du herzlich eingeladen: Wir treffen uns momentan jeden Sonntag um 16:15 im Solidarischen Zentrum in der Lindenstraße 1b. Wir freuen uns.
Jedes Herz eine revolutionäre Zelle,
in Liebe,
SoliA
